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24.4.2010
20:00
VAZ St. Pölten
SITZPLÄTZE
Kat. 1 EUR 45.-
Kat. 2 EUR 41.-
Kat. 3 EUR 36.-
1977 wurde die Erste Allgemeine Verunsicherung in der Steiermark
gegründet. Diese Angabe des Geburtsortes ist nicht unerheblich, sind
doch die Steirer jenes Völkchen in Österreich, welches die
Querdenkerei samt dem Herz auf der Zunge seit jeher lebt. So wundert
es nicht wenig, dass schon die Geburtswehen der EAV einst die Erste
Allgemeine Versicherungs AG auf den Plan rief. Man drohte, zog später
aber die Klage zurück und zeigte sich noch viel später sogar glücklich
über die Namensvetternschaft und trat als Sponsor einer Tour auf. Dass
die EAV in ihrer Heimat insgesamt mehr Platten als Michael Jackson, die
Beatles oder Landsmann Wolfgang Amadeus Mozart verkauft haben,
mag auf den ersten Blick wundern, auf den zweiten aber bestätigt das
Sextett rund um die kongenialen Frontmänner Thomas Spitzer und
Klaus Eberhartinger damit viel mehr eine österreichische Tradition. Man
war in Schnitzelland seit jeher schon Großmeister darin, die Dinge erst
auf Umwegen auf den Punkt zu bringen, indem man diese vorher in
Schmäh, Zynismus und Witz einpackt, um dann mit der vollen Wucht
drauf zu hauen. Verbale Arschritte haben hier Tradition. Karl Kraus oder
Helmut Qualtinger leben, sie sind noch lange nicht tot…was als Witz
daher kommt, ist bitterböse Satire, die runter rinnt wie gesalzener
Honig, die auf den ersten Blick der Schenkelkracher ist, aber die blauen
Flecken die man sich selbst schlägt, die werden erst später sichtbar.
Und das ist gut so. Die bekannten Hits der EAV, sie sind nur
vermeintliche Gröhler, die, im Übrigen, mittlerweile am ehesten von
Jenen verstanden werden, die damals zu Märchenprinz- oder Ba Ba
Banküberfall-Zeiten Kinder waren. „Früher als Kinder, da haben wir’s
gesungen und gelacht, heute aber, da verstehen wir was ihr eigentlich
sagen wollt…das hören wir immer wieder von den Leuten bei unseren
Konzerten“, erzählt der Wort- und Kunstreime-Drechsler Thomas
Spitzer. Es ist eine gerne gehörte Bestätigung dafür, dass nicht alles
umsonst ist, was den Mann so bewegt. Vor allem der Zorn und das dazu
gehörende Kopfschütteln, welches Spitzer und die EAV über die
vergangenen Jahre gerade in einer Zeit wie jetzt, mehr als bestätigt.
Jahrelang haben sie darüber gesungen, gereimt, sind auf der Bühne
gestanden und haben mit ihrer Mischung aus anarchistischem
Aktionismus und kreativen, dramaturgischen Konzept den Leuten vom
Irrsinn, vom Blödsinn oder auch von der romantischen Liebe (ja, auch
diese Seite offenbarte die Band in ihrem Album ‚Amore XL‘)
vorgesungen. Und dann kommt die Krise und alles wird noch wahrer als
es eh schon war. Politik, Wirtschaft, Medien – die Welt heute ist eine
Blaupause der Texte der EAV. „Neue Helden braucht das Land“ heißt die
neue CD, die Tour und ein Song des Albums: „Neue Helden braucht das
Land, mit den Köpfen tief im Sand und hast du grad ein Karriere-Loch,
werde Szene-Tussi oder Fernsehkoch. Neue Helden braucht das Land,
mit Goethe sind sie kaum verwandt. Bussi, Bussi, Ciao vom Trottel-TV
und am anderen Kanal sucht ein Bauer seine Sau“. Laut schreien will
man bei diesen Zeilen: Na endlich, Gott sei Dank! Bitte weitersingen
und auch das Lied über die „Dummheit“ nicht vergessen oder „Bitte
Bier“. Die Krise ist da und eigentlich haben wir sie auch alle irgendwie
verdient, denn so ganz unschuldig waren wir nicht in unserer
kommunalen Sucht nach mehr. Im Song „Wie schön“ rät die EAV dem
lieben Gott, sich zu überlegen den sechsten Schöpfungstag
möglicherweise nicht doch zu streichen. Dem Eisbären, dem in der
Arktis die Scholle unter seinem pelzigen Hintern davon schmilzt, dem
dürfte dieser Vorschlag sympathisch sein.
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